Allgemeines
Einführung
Familien
Urner Bürgerfamilien
Das Landleutebuch
Auszug Landleute Buch
Namen, Orte und Wappen
Urner Familiennamen
Urner Wappen
Urner Gemeinden
Urner Orte
Regierung und Behörden
Politisches System im alten Uri
Urserntal: Talammann
Land Uri: Landammann
Unser Projekt
Herkunft der Urner Familien
Alte Urner Geschlechter
Impressum
Unsere Webseite
Von Rufnamen zu Familiennamen
Eine historische Namensentwicklung im Kanton Uri
1. Einleitung
Bis ins 12. Jahrhundert waren im deutschsprachigen Raum, insbesondere auch im Kanton Uri, ausschließlich Rufnamen gebräuchlich. Diese Namen entstammten einem begrenzten Repertoire christlicher Heiligennamen sowie altgermanischer Bezeichnungen. In der Innerschweiz dominierten bei weiblichen Personen die Namen Maria und Anna, bei männlichen Josef und Johannes.
2. Frühzeitliche Namensverwendung
Der früheste namentlich überlieferte Urner war Hedda, später Bischof von Straßburg, auch unter dem Namen Eridanus bekannt. Die semantische Herkunft seines Namens ist bis heute ungeklärt. Auch Herrscher wie König Ludwig und dessen Tochter Hildegard führten zu jener Zeit keine Familiennamen. Ihre genealogische Zugehörigkeit zum Haus der Karolinger wurde über den Namen des Vorfahren Karl kenntlich gemacht. Mit der Zeit wurden Beinamen zur Hervorhebung von Ruhm und Status verwendet, etwa Karl der Große oder Ludwig der Deutsche.
3. Entstehung von Familiennamen
Mit dem Bevölkerungswachstum und der begrenzten Vielfalt an Rufnamen nahm die Häufigkeit von Namensdopplungen zu. In einer Phase zunehmender Bedeutung von Besitzverhältnissen, Handelsbeziehungen, Steuerpflichten und Erbansprüchen wurde die Notwendigkeit zusätzlicher Identifikationsmerkmale evident. Der Adel übernahm hierbei eine Vorreiterrolle.
In Uri begannen zunächst der lokale Landadel sowie Ministerialbeamte mit der Verwendung von Beinamen. Beispiele hierfür sind Werner Freiherr von Attinghausen oder Heinrich von Beroldingen. Diese ursprünglich individuellen Zusätze entwickelten sich im Laufe der Zeit zu erblichen Geschlechtsnamen.
4. Namensdokumentation im Interregnum (1254–1273)
Eine bedeutende Phase der Namensentwicklung lässt sich im Interregnum beobachten. Während der Konflikte zwischen den Familien Inzlin und Gruoba fungierte Graf Rudolf IV. von Habsburg als Vermittler. Die entsprechenden Urkunden dokumentieren den Übergang von Rufnamen zu Vor- und Familiennamen und geben Einblick in die Namensführung der oberen Gesellschaftsschichten Uris.
4.1. Auf der Seite der Familie Inzlin
- Ulrich Inzlin (Oheim)
- Kuno, Ammann des Klosters Wettingen
- Kuno von Beroldingen
- Wernher von Stigelin
- Heinrich von Mittendorf
- Walter und Heinrich von Richelingen
- Kuno und Heinrich die Gurtneller
- Meister Konrad und Sohn Konrad (Oberdorf, Schächental)
- Heinrich von Rütti
- Werner von Ribshausen (Erstfeld)
- Heinrich uff en Boele (Bürglen)
- Heinrich und Konrad von Sisencum (Sisikon)
- Meister Arnold und Sohn Peter von Brunnen
4.2. Auf der Seite der Familie Gruoba
- Konrad, Werner, Heinrich und Peter Gruoba
- Heinrich von Hurnselden
- Rudolf von Toernlon
- Berchtold Sümel
- Arnold und Konrad Zuoskese
- Konrad der Fürsto (später: Fürst)
- Walter und Konrad an dem Luzze (Unterschächen)
- Konrad von Muningen (Schächental)
- Rudolf von Talachern
- Konrad von Wolfgeringen
- Conrad oben im Dorf
- Werner und Ingold von Bauen
4.3. Zur Wahrung des Friedens wurden eingesetzt:
- Werner von Silenen
- Rudolf von Thun
- Meier Konrad von Bürglen
- Brechtold der Schüpfer
4.4. Anwesend waren:
- Walter von Wolhusen
- Rudolf von Balm
- Ulrich von Russegg
- Ortolf von Utzingen
- Peter von Hünoberg
- Rudolf und Johannes von Küssnacht
- Hartmann von Baldegg
Die Urkunde wurde am 23. Dezember 1257 in Altdorf durch Graf Rudolf von Habsburg und die Landleute von Uri besiegelt.
5. Entwicklung und Wandel der Familiennamen
Das Geschlecht Lusser, Nachfahren von Walter und Konrad an der Luzze, gilt als das älteste noch bestehende Urner Geschlecht. Die Bedeutung vieler Familiennamen ist jedoch nicht eindeutig rekonstruierbar, da sie sich über die Jahrhunderte durch sprachliche Veränderungen und fehlerhafte Schreibweisen wandelten. So entstand aus Megnoltz der Name Megnet, und die Familie Muheim erscheint in historischen Quellen unter Varianten wie Mucheim, Muchheim, Muchenheiii, Mühlheim oder Muheimb.
Ein staatlicher Vereinheitlichungsversuch erfolgte mit dem Regierungsbeschluss vom 2. Juli 1932, der Nachname der Urner Bürger wurde standarisiert, beispielsweise die Schreibweise von Namen wie Exer, Echser, Oexer und Oechser auf Exer standardisierte. Doch nicht alle folgten: Manche Echser hielten an ihrem angestammten Namen fest – und waren damit keineswegs allein.
6. Herkunft und Bedeutung der Namen
Die Familiennamen in Uri lassen sich verschiedenen sprachlichen Ursprüngen zuordnen: keltisch, römisch, griechisch, rätoromanisch, italienisch und vor allem alemannisch. Durch Migration kamen auch französische, nordische, jüdische und slawische Namen hinzu. Die semantische Deutung ist oft spekulativ, da viele Namen mehreren Kategorien zugeordnet werden können.
Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, dass alle Träger eines bestimmten Familiennamens miteinander verwandt seien. Berufsbezeichnungen wie Müller, Schmied oder Schneider widerlegen diese Annahme: So sind die Ursern Müller und die Schächentaler Müller eigenständige Familien. Auch die drei Urner Familien Schmid stammt von eingewanderten Walsern ab, jedoch aus unterschiedlichen Regionen.
7. Hausnamen
Auch in der Gegenwart entstehen neue Beinamen, sogenannte Hausnamen, zur Unterscheidung innerhalb weit verbreiteter Familiennamen. Fragt man in Altdorf nach einem Josef Gisler, wird man kaum eine klare Antwort bekommen – allein im Telefonbuch finden sich über zehn. Den gesuchten Josef Gisler kennt man daher nur unter seinem Hausnamen. So war ein Josef Gisler im benachbarten Ort als Sigrist (Küster) tätig. Er und seine direkten Nachkommen waren den Einheimischen ausschliesslich als «ds Sigärschtä» bekannt. Hausnamen bezeichnen einen bestimmten Familienzweig über Generationen hinweg, sind jedoch keine offiziellen Familiennamen.
8. Wappen
Die Deutung von Familiennamen anhand von Wappen ist problematisch. Ursprünglich war das Führen eines Wappens dem Adel vorbehalten. Ab dem Spätmittelalter wurde es üblich, dass auch bürgerliche Familien ein Wappen führten – oft durch kommerzielle Heraldiker erfunden. Einige Wappen zeigen Handwerksgeräte oder sogenannte Holzzeichen, die zur Kennzeichnung von Eigentum dienten. Das Schweizer Wappenrecht bietet keinen besonderen Schutz für Familienwappen; sie unterliegen jedoch den allgemeinen urheberrechtlichen Bestimmungen.
9. Die sechs Hauptkategorien der Urner Familiennamen
9.1. Personennamen
Familiennamen, die sich aus Vornamen ableiten – meist vom Vater (Patronyme), seltener von der Mutter (Metronyme).
- Patronyme
o Arnold (Adler-Herrscher), Christen (Christian), Albert (Adalbert), Epp (Eberhard)
o Oft wurde dem Rufnamen des Vaters die lateinische die Genitiv-Endung -i angefügt.
o Zieri (von Georg), Welti (Walter)
o Italienisch beeinflusste Formen: Alberti, Albertini
o Typische Verkleinerungsform ist auch das – li
o Enderli, Dittli, Regli
o Slawische Endungen: Petritsch (Peter)
- Metronyme (selten – wenn die Mutter gesellschaftlich höher stand)
o Anna, Cathry
9.2. Berufs- und Amtsnamen
- Berufe
o Baumann (Bauer), Huber (Großgrundbesitzer), Senn (Hirte), Truttmann (Weinbauer)
o Kempf (Kämpfer), Ziegler (Ziegelmacher), Walker (Wollverarbeiter oder Krieger)
- Ämter
- Meier, Vogt, Renner (Bote), Schuler (Schreiber), Gisler (Schuldenaufseher)
- Fürst, Graf – oft Bedienstete, nicht Adelstitel
9.3. Herkunftsnamen
- Verweisen auf geografische Herkunft oder Stammsitz.
o Schwizer, Zürcher, Bürgler
o Adlige: von Attinghausen
o Patrizier: Imhof von Blumenfeld, Arnold von Spiringen, Epp von Rudenz
o Nichtadlige mit „von“: Vonmentlen, von Mund
9.4. Siedlungs- und Wohnstättenamen
- Beziehen sich auf Wohnlage, Landschaft oder Flurnamen.
o Indergand (an/in der Ganda), Zurfluh (bei Felswand), Zumbrunnen (bei Quelle)
o Moser (Moor), Furrer (Hangkante), Imholz (Waldnähe)
o Apostrophformen: Z’graggen, Zwyssig (zu)
- Bodenerwerb
o Lusser, Lussmann (durch Los zugeteilt)
- Bodenbesitz
o Infanger (Acker), Püntener (Pünt), Curti (roman. Hof)
9.5. Aussehen oder Charakter
- Namen, die auf körperliche Merkmale oder Eigenschaften verweisen.
o Roth, Weiss, Schwarz – Haarfarbe
o Frei – freier Bürger
9.6.Nicht eindeutig zuordenbare Namen
- Mehrdeutige Namen mit Tierbezug oder umgedeuteter Herkunft.
o Bär, Haas, Fink, (Jäger?)
o Fleisch (roman. Flisch = Felix)
o Muheim (ursprünglich Wohnstätte, später mit Heimchen assoziiert)
o Jauch Flächenmass (Juchart) oder Vorname (Joachim)
o Gartmann (Garten, Fuhrmann oder Söldner)
10. Schlussfolgerung
Die Urner Familiennamen sind ein Spiegel der Geschichte, Sprache und Lebensweise. Sie erzählen von Berufen, Herkunft, Landschaften und Persönlichkeiten – oft mit poetischer Tiefe und regionaler Färbung. Besonders bemerkenswert ist, wie respektvoll und stolz die Urner mit ihren Namen umgehen: Abfällige Namen hatten kaum Bestand.